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- Energiepolitik


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Erneuerbare Energien und EEG – Vorurteile und Fakten



Die Lobbyisten der vier großen Energiekonzerne versuchen seit Jahren mit aufwändigen PR-Kampagnen die Öffentlichkeit aber auch Politiker zu beeinflussen. Im Fokus ihrer Kritik stehen immer wieder auch die Erneuerbaren Energien. Eine dezentrale Energieversorgung mit Erneuerbaren Energien ist den Konzernen ein Dorn im Auge, da sie ihr Anbieteroligopol – und damit ihre Marktmacht – gefährdet sehen. Durch ihren rasanten Aufstieg sind die Erneuerbaren Energien für die Konzerne mittlerweile zur lästigen Konkurrenz geworden. Jede einzelne Solaranlage, die von privater Seite ans Netz geht und Strom produziert, schmälert den Gewinn der Konzerne.

In Deutschland wird die Stromerzeugung aus Erneuerbaren Energien mit dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (kurz: EEG) gefördert. Durch das EEG erhalten private oder gewerbliche Betreiber von Erneuerbare-Energien-Anlagen für Strom, den sie selbst nicht benötigen und daher in das allgemeine Netz einspeisen, eine Vergütung. Finanziert wird die Förderung wie folgt: Die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber müssen den EEG-Strom an der Strombörse vermarkten. Die Differenz zwischen der an die Anlagenbetreiber gezahlten Vergütung und dem Ertrag, den der EEG-Strom an der Strombörse einbringt, wird über die so genannte „EEG-Umlage“ finanziert. Je niedriger der Börsenpreis für Strom ist, desto größer ist die Differenz zu den Einspeisevergütungen. Den Übertragungsnetzbetreibern wird diese Differenz von den Energieversorgungsunternehmen (EVU) erstattet. Die EVU wiederum geben die EEG-Umlage an den Endkunden weiter.

Das Gesetz erwies sich sowohl ökologisch als auch ökonomisch als derart erfolgreich, dass weltweit bereits 45 Länder seine Grundsätze übernommen haben. Dennoch wird von interessierter Seite immer wieder versucht, Stimmung gegen das EEG, aber auch ganz allgemein gegen die Erneuerbaren Energien zu machen.

Aufgrund der Eingängigkeit der Behauptungen (wie z.B. den gebetsmühlenhaften Warnungen vor einer angeblich drohenden Stromlücke oder den einseitig dargestellten Kosten für die Stromverbraucher durch das EEG) ist so mancher Bürger den Argumentationen der Energiekonzerne auf den Leim gegangen. Nachfolgend werden den Behauptungen die Fakten gegenübergestellt.


Behauptung:
Das EEG ist für die hohen Strompreise verantwortlich.

Fakten:
In der Diskussion um die Strompreise werden häufig die Erneuerbaren Energien als Kostentreiber gebrandmarkt und vor angeblich explodierenden Stromkosten durch die EEG-Umlage gewarnt. Experten aus Wissenschaft und Verbänden machen aber immer wieder deutlich, dass der Anteil der Erneuerbaren Energien an den Stromkosten oftmals übertrieben dargestellt wird. Die Umlage für den Ausbau der Erneuerbaren Energien wird laut Prognose der Stromwirtschaft im Jahr 2012 exakt 3,592 Cent je Kilowattstunde (kWh) betragen. Das bedeutet, dass die Umlage im Vergleich zum Jahr 2011 nahezu unverändert bleibt.

Der Stromverbrauch eines durchschnittlichen Drei-Personen-Haushalts in Deutschland beträgt pro Jahr etwa 3.500 kWh. Das bedeutet, dass sich ein Drei-Personen-Haushalt im Jahr 2011 mit ca. zehn Euro pro Monat am Ausbau der Erneuerbaren Energien beteiligen wird. Anders ausgedrückt: Eine in einem solchen Haushalt lebende Person zahlt im Jahr 2012 etwas mehr als elf Cent pro Tag – und damit weniger als für ein halbes Brötchen beim Bäcker.

Die EEG-Umlage könnte sogar deutlich geringer ausfallen, wenn es nicht großzügige Ausnahmeregelungen für die Industrie gebe. Da Unternehmen nach dem EEG 2009 für eigenerzeugten Strom keinerlei EEG-Umlage zahlen müssen, haben Firmen immer öfter Kraftwerke oder Teile davon gekauft, um für diesen als Eigenverbrauch geltenden Strom der Umlagepflicht zu entgehen. Nach dem EEG 2012 soll das zwar nicht mehr möglich sein, jedoch müssen alle Unternehmen, die dieses Schlupfloch jetzt bereits nutzen, auch künftig keine EEG-Umlage für eigenerzeugten Strom bezahlen. Eine weitere Ausnahmeregelung deckelt die EEG-Umlage für Unternehmen des produzierenden Gewerbes mit besonders hohem Stromverbrauch auf 0,05 Cent. Ohne diese beiden Privilegien für die Industrie würde die EEG-Umlage nach Berechnungen des Bundesverbandes Erneuerbare Energie um bis zu 1,2 Cent niedriger ausfallen.

Für die stromintensiven Unternehmen haben CDU/CSU und FDP im Bundestag ab 2012 die Ausgleichsregelung nun noch erheblich ausgeweitet. Der Bayerischen Staatsregierung ging selbst das nicht weit genug. Je mehr Unternehmen aber weitgehend von der EEG-Umlage befreit werden, desto mehr zahlen die übrigen Verbraucher. Die Kosten für die Privilegien der größten Stromverbraucher zahlen also überwiegend Privatverbraucher und Kleinbetriebe. Für das Jahr 2013 ist daher von einer steigenden EEG-Umlage auszugehen.


Neben den Kosten für die EEG-Umlage muss man bei einer seriösen Betrachtung aber auch den Nutzen des Ausbaus der Erneuerbaren Energien betrachten. Denn bei einer einseitigen Kostenbetrachtung werden folgende Parameter völlig außer Acht gelassen:

1) Erneuerbare senken den Börsenstrompreis

Die Erneuerbaren Energien haben eine preisdämpfende Wirkung an der Leipziger Strombörse, da regenerativ erzeugter Strom an windigen oder sonnigen Tagen zunehmend teuren Strom aus fossilen Kraftwerken verdrängt. Davon profitieren die stromintensiven Unternehmen bereits jetzt. Der Effekt dieser Preissenkung wird auf 3,6 bis vier Milliarden Euro jährlich beziffert.

2) Vermeidung externer Kosten

Die Verbrennung fossiler Energieträger führt zu Klima-, Umwelt-, Gesundheits- und Materialschäden. Durch den zunehmenden Anteil Erneuerbarer Energien konnten im Jahr 2010 allein im Strombereich 76 Millionen Tonnen Treibhausgase vermieden werden, davon etwa 58 Millionen Tonnen nur durch EEG-vergüteten Strom.

3) Verringerung fossiler Energieimporte aus dem Ausland

Durch Erneuerbare Energien können wir auch unsere große Importabhängigkeit von fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas verringern. Im Jahr 2009 konnten so fossile Energieimporte in Höhe von 7,1 Milliarden Euro eingespart werden.
 
4) Subventionen für fossile Energien und Kernenergie


Das Forum Ökologische Marktwirtschaft (FÖS) hat in zwei Studien die Höhe der gesamten staatlichen Förderungen für die Stromerzeugung aus Kernenergie und Kohle seit 1950 untersucht. Neben direkten Finanzhilfen wurden dabei auch weniger offensichtliche Förderungen wie z.B. Steuervergünstigungen erfasst. Anzumerken ist bei den Zahlen zu den Kohlesubventionen, dass Kohle nicht nur zur Stromerzeugung, sondern auch zur Wärmeerzeugung und in einigen energieintensiven Industrien eingesetzt wird. Laut den Berechnungen des FÖS wurde die Kernenergie bis zum Jahr 2010 mit mehr als 200 Milliarden Euro, Steinkohle bis zum Jahr 2008 mit rund 295 Milliarden Euro und Braunkohle mit knapp 57 Milliarden Euro subventioniert, jeweils ohne die Berücksichtigung externer Kosten.

5) Wirtschaftsfaktor Erneuerbare Energien

Die Erneuerbaren Energien sind mittlerweile zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor avanciert, wie die folgenden Zahlen eindrucksvoll belegen:

Im Jahr 2010 wurde in Deutschland die neue Rekordsumme von 26,6 Milliarden Euro in die Errichtung von Erneuerbare-Energien-Anlagen Anlagen investiert. Die Umsätze mit Anlagen und Komponenten der in Deutschland produzierenden Hersteller stiegen Schätzungen zufolge auf mehr als 25 Milliarden Euro.

6) Erneuerbare tragen zur kommunalen Wertschöpfung bei


Die Erneuerbaren spülen über die Gewerbesteuer frisches Geld in die Kassen der Gemeinden. Im Jahr 2009 trugen die Erneuerbaren Energien mit ca. 6,8 Milliarden Euro zur kommunalen Wertschöpfung bei. 600 Millionen Euro davon flossen über Steuereinnahmen in die Kassen der Gemeinden.

Die Erneuerbaren Energien leisten somit einen wichtigen Beitrag zur Entlastung der Gemeindekassen, zur Finanzierung kommunaler Vorhaben sowie zur Standortsicherung.

7) Jobmotor Erneuerbare Energien

Die Anzahl der Arbeitsplätze in der Erneuerbare-Energien-Branche hat sich seit 1998 vervielfacht. Mittlerweile sind hier fast 370.000 Menschen in Lohn und Brot. Die Erneuerbaren leisten nicht nur einen entscheidenden Beitrag zum Klimaschutz, sondern haben sich auch zu einem wahren Jobmotor gemausert. Im Jahr 2020 könnten in der Branche sogar knapp 600.000 Menschen beschäftigt sein.


Fazit: Betrachtet man auch dessen Nutzen, so hat das EEG sogar Kosten eingespart.


Behauptung:
Die Kernenergie ist weiterhin als Brückentechnologie notwendig. Ansonsten entsteht eine „Stromlücke“, da die Erneuerbaren Energien nicht über ausreichende Kapazitäten verfügen.

Fakten:
„Die Stromversorgung ist sicher – trotz Atomausstiegs und ohne in den nächsten Jahren zusätzliche fossile Kraftwerke bauen zu müssen.“ Das ist das Ergebnis der Studie „Klimaschutz und Versorgungssicherheit” des Umweltbundesamtes. Die Studie unterstreicht damit die Position der bayerischen SPD-Landtagsfraktion. Die Erneuerbaren Energien in Deutschland wachsen rasant. Im ersten Halbjahr 2011 lag der Anteil der Erneuerbaren Energien am Bruttostromverbrauch in Deutschland bereits bei 20,8 Prozent. Bis zum Jahr 2020 ist nach konservativen Branchenprognosen ein Anteil von 47 Prozent möglich.

Während des Atom-Moratoriums waren neben den stillgelegten sieben ältesten Kernkraftwerken sowie dem mit kurzer Unterbrechung seit fast vier Jahren abgeschalteten Meiler Krümmel zeitweise noch fünf weitere Kernkraftwerke wegen Revisionen nicht am Netz. Dennoch gingen nirgendwo in Deutschland die Lichter aus. Deutschland ist seit 2003 Stromexporteur, d.h. wir haben hierzulande enorme Stromüberschüsse. Im Jahr 2010 belief sich der deutsche Exportüberschuss auf 17 Milliarden kWh, obwohl die Meiler Krümmel und Brunsbüttel aufgrund von Störfällen still standen.

Bis zu den von Schwarz-Gelb im Herbst 2010 durchgesetzten Laufzeitverlängerungen war aufgrund des rot-grünen Atomausstiegs im Übrigen völlig klar, dass in naher Zukunft einige Kernkraftwerke vom Netz gehen müssen. Diesen Ausstieg hatten SPD und Grüne im Übrigen zusammen mit den Atomkonzernen vereinbart. Daher war man seit langem auf die bevorstehende Abschaltung einiger Kernkraftwerke vorbereitet. Des Weiteren sind im aktuellen Kraftwerkspark noch enorme zusätzliche Kapazitäten vorhanden. Hinzu kommt eine Kaltreserve, auf die man binnen relativ kurzer Zeit zurückgreifen könnte. Schließlich stehen einige seit langem geplante fossile Kraftwerke unmittelbar vor der Fertigstellung, womit in Bälde zusätzliche Kraftwerkskapazitäten in erheblichem Umfang bereitstehen.

Die angebliche Stromlücke ist eine Stromlüge. Die Warnungen aus den Reihen von Union und FDP vor einer angeblichen Stromlücke bei einem Festhalten am Ausstieg aus der Kernenergie sind lediglich billige Panikmache.


Behauptung:
Mit Erneuerbaren Energien kann die Versorgungssicherheit nicht gewährleistet werden, da die Stromeinspeisung aus Wind und Sonne schwankt.

Fakten:
Wind und Sonne gibt es zwar nicht immer, aber immer irgendwo. Die Einspeisung von Windstrom ist berechenbar, da der Netzbetreiber die Strommenge sowie Zeit und Ort der Einspeisung aufgrund von meteorologischen Prognosen sehr präzise berechnen kann. Auch die Sonneneinstrahlung ist mittlerweile sehr genau vorhersagbar.

Der Kritik an Windenergie und Photovoltaik liegt oftmals der Gedanke zugrunde, dass unsere Stromversorgung ausschließlich nach heutigem Muster mit einem hohen Anteil an (unflexiblen) Grundlastkraftwerken erfolgen könne. Dem ist mitnichten so. Vielmehr werden künftig flexiblere Kraftwerke und ein enormer Ausbau von Stromspeichern erforderlich sein.

Wasserkraft und Geothermie sind in der Lage, Grundlaststrom zu liefern. Dies muss aber bei weitem nicht der heute üblichen Grundlaststrommenge entsprechen. Wenn Wind und Sonne wetterbedingt einmal nicht in ausreichendem Maße Strom liefern, können Speicherkraftwerke und Biomasse jederzeit einspringen und zwar in weitaus größerem Umfang, als dies bei den bisherigen Spitzenlastkraftwerken der Fall ist.

Von großer Bedeutung beim Umstieg auf Erneuerbare Energien ist neben dem Ausbau der Netze daher die Optimierung von Speichertechnologien. Daher sollte die Forschung in diesem Bereich ganz massiv unterstützt werden. Die zurzeit effizienteste Möglichkeit, Strom in großen Mengen zu speichern, bieten Pumpspeicherkraftwerke. Das wird alleine natürlich nicht reichen, dennoch gibt es hier noch Potenzial. Mitnutzen könnte man überdies die gigantischen natürlichen Speicherkapazitäten in Norwegen.

Darüber hinaus gibt es aber auch Maßnahmen, die zusätzliche Stromspeicher teilweise überflüssig machen können. Dazu gehört auch ein intelligentes Lastmanagement. Wenn es uns gelingen würde, in der Höchstlaststunde einen Teil des Verbrauchs in andere Stunden zu verschieben, könnten wir den Spitzenlastbedarf erheblich verringern. Erforderlich ist auch ein Ausbau der Netze, wenn auch nicht in dem Ausmaß, wie von interessierter Seite häufig behauptet. Die Netzbetreiber haben es in der Vergangenheit aber versäumt, das Stromnetz in Deutschland ausreichend auszubauen. Hier besteht dringender Handlungsbedarf.

Nach einer Studie des Fraunhofer Instituts für Windenergie und Energiesystemtechnik (IWES) könnten die Erneuerbaren Energien im Jahr 2020 bereits mehr als die Hälfte des Strombedarfs in der Grundlast abdecken. Deren Lastkurven werden durch den gezielten Einsatz von Pumpspeichern sowie durch Import und Export geglättet. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an die Flexibilität der Kraftwerke erheblich. Sie müssen – je nach Bedarf – hoch- und runtergefahren werden können. Genau dazu sind aber Kohle- und Kernkraftwerke, die auf sich ändernde Anforderungen gar nicht oder lediglich mit einer unsinnigen Zeitverzögerung reagieren können, nicht in der Lage. Laufzeitverlängerungen für Kernkraftwerke oder zusätzliche Kohle-Grundlastkraftwerke sind daher nicht nur unnötig, sondern sogar kontraproduktiv. Sie passen einfach nicht zu den Anforderungen des flexiblen Kraftwerksparks der Zukunft.

In Zukunft könnten es vielmehr die Kernkraftwerke sein, die zum Unsicherheitsfaktor in Sachen Versorgungssicherheit avancieren. Denn diese verbrauchen Unmengen an Wasser zur Kühlung. Bei Wassermangel, zu hoher Wassertemperatur in den Flüssen oder bei Überschwemmungen müssen Kernkraftwerke ihre Leistung drosseln oder ganz abgeschaltet werden. Genau diese Ereignisse werden aber aufgrund des Klimawandels zunehmend häufiger auftreten. In einem solchen Fall müssen dann sehr schnell große Produktionskapazitäten ersetzt werden.


Behauptung:
Der Anteil der Kernenergie am Strommix in Bayern ist derart hoch, dass dieser in absehbarer Zeit nicht durch Erneuerbare Energien gedeckt werden kann.

Fakten:
Elektrizitätswirtschaftlich sind im derzeitigen System selbstverständlich mitnichten Ländergrenzen, sondern Versorgungsgebiete und Stromtransportkapazitäten der großen Verbundunternehmen von Belang. Tatsächlich geht es um einen weiträumigeren Ausgleich von Erzeugung und Verbrauch. Läge Gundremmingen nur wenige Kilometer weiter westlich, also in Baden-Württemberg, so änderte sich zwar an der Stromversorgung in Bayern nichts, die Menge an in Bayern produziertem Atomstrom wäre jedoch nur noch etwa halb so groß. Die Auswirkungen der Abschaltung von Kernkraftwerken sind daher deutschlandweit und nicht nur auf Länderebene zu betrachten.

Deutschland wie auch Bayern sind Stromexporteure, d.h. momentan gibt es hierzulande enorme Stromüberschüsse. Im Jahr 2010 belief sich der Stromexportüberschuss deutschlandweit auf 17 Milliarden kWh, obwohl die Kernkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel aufgrund von Störfällen still standen. Außerdem werden sich Kraftwerkskapazitäten und Stromproduktion der Erneuerbaren Energien bis zum Jahr 2020 voraussichtlich fast verdreifachen. Das von der CSU immer wieder beschworene Szenario, dass Bayern im Falle des Atomausstiegs im großen Stil Strom aus dem benachbarten Ausland – womöglich gar aus dem tschechischen Kernkraftwerk Temelín – importieren müsse, entbehrt also jeglicher Grundlage.

Bei der Windenergie, der führenden erneuerbaren Energiequelle im Strombereich in Deutschland, zählt Bayern mit einem Windstromanteil am Nettostromverbrauch von einem Prozent deutschlandweit zu den Schlusslichtern. Das erheblich kleinere Bundesland Sachsen-Anhalt – wie Bayern ein Binnenland ohne Küste und mit vergleichbarem Windpotenzial – bezieht bereits mehr als 51 Prozent seines Stroms aus Windenergie. Die Hemmnisse beim Ausbau der Windenergie in Bayern sind dabei hausgemacht. Insbesondere durch bestehende Abstandsflächenregelungen und die Flächenausweisungspraxis wird die Windenergie hier durch die CSU bewusst klein gehalten. Hier muss ein Umdenken stattfinden und der oft ideologisch motivierte Widerstand gegen Windräder endlich aufgegeben werden. Auch unter strengster Beachtung des Natur-, Umwelt- und Landschaftsschutzes könnten in Bayern in den kommenden Jahren problemlos weitere 1.500 Windkraftanlagen gebaut werden. Damit könnte die heute installierte Leistung auf dann 4.500 Megawatt nahezu verzehnfacht werden.


Behauptung:
Die fossilen Energieträger reichen noch sehr lange. Daher ist ein rascher Umstieg auf Erneuerbare Energien nicht notwendig.

Fakten:
Selbst nach optimistischen Schätzungen sind die Reserven der fossilen Energieträger bald vollständig erschöpft. Laut der jährlich erscheinenden Statistical Review of World Energy 2010 des Ölkonzerns BP reichen die globalen Reserven bei einem Produktionsniveau wie im Jahr 2009 (also während der weltweiten Wirtschaftskrise) bei Erdöl (incl. nichtkonventioneller kanadischer Ölsände) 45 Jahre, bei Erdgas gut 62 Jahre und bei Kohle 119 Jahre. Bei Uran beträgt die Reichweite laut einer Ausarbeitung des Wissenschaftlichen Dienstes des Deutschen Bundestags aus dem Jahr 2006 nach heutigem Stand 42 Jahre, bei Hinzurechnung geschätzter zusätzlicher Vorräte maximal 62 Jahre. Bei einem Anstieg des Verbrauchs reduzieren sich die Reichweiten entsprechend.

Das Problem hierbei ist: Wenn die höchste Fördermenge eines fossilen Energieträgers erreicht ist (bei Erdöl spricht man von Peak Oil), geht die Schere zwischen Angebot und Nachfrage immer weiter auseinander und der Preis steigt ab diesem Zeitpunkt permanent. Bei konventionellem Erdöl wurde diese Menge nach Expertenmeinungen vermutlich bereits erreicht. Laut einer Studie des Zentrums für Transformation der Bundeswehr könnte hier der Peak Oil bereits im Jahr 2010 erreicht worden sein.


Behauptung:
Solarenergie lohnt sich nur in Südeuropa und Afrika.

Fakten:
In Deutschland lag die jährliche Sonneneinstrahlung pro Quadratmeter im Jahr 2009 nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes zwischen 979 und 1.259 kWh. Das ist natürlich weniger als in Südeuropa oder Afrika, jedoch völlig ausreichend, um einen wesentlichen Beitrag zur Stromversorgung in Deutschland zu leisten. Solarkraftwerke in der Sahara müssten einen sehr weiten Weg zu den Stromverbrauchern in Deutschland überbrücken. Ein derart langer Übertragungsweg stellt eine große Herausforderung dar und dürfte überdies zu hohen Zusatzkosten führen. Auch liefe dies dem Ziel zuwider, endlich unabhängig von Energierohstoffimporten zu werden. Darüber hinaus ist eine weitere Abhängigkeit auch gar nicht vonnöten. Aller Voraussicht nach wird hierzulande erzeugter Solarstrom bereits bis spätestens Mitte dieses Jahrzehnts die so genannte Netzparität erreicht haben. Das bedeutet: Die auf dem Dach produzierte Kilowattstunde Solarstrom ist günstiger als der Strom aus der Steckdose vom örtlichen Energieversorger. Ab diesem Zeitpunkt rechnet es sich für den normalen Tarifkunden, anstelle der Einspeisung den Solarstrom selbst zu verbrauchen.

Im Jahr 2020 könnten neun Prozent des gesamten Stromverbrauchs in Deutschland durch Photovoltaikanlagen gedeckt werden. Schon heute reichen zehn Quadratmeter Dachfläche aus, um etwa ein Viertel des Stromverbrauchs eines Durchschnittshaushaltes zu decken. Mehr als 230.000 Hektar Gebäudeflächen sind in Deutschland für die solare Nutzung geeignet. Bislang wurden hiervon lediglich 2,5 Prozent genutzt. Das zeigt: Hier schlummert noch enormes Potenzial.


Behauptung:
Windkraftanlagen verschandeln die Landschaft und belästigen die Anwohner durch Lärm und Schattenwurf.

Fakten:
Ob ein Windrad nun schön ist oder nicht, ist Geschmacksache und liegt einzig im Auge des Betrachters. Noch um das Jahr 1900 waren Windräder hierzulande weit verbreitet. Allein in Nordwestdeutschland gab es damals etwa 30.000 Windmühlen. Entscheidend ist heute die sorgfältige Auswahl der Standorte.

Der Vergleich scheinbar unberührter Landschaft mit einer Landschaft, in der Windanlagen stehen, hinkt im Übrigen. Man muss die landschaftlichen Auswirkungen einer dezentralen Energieversorgung mit Erneuerbaren Energien (also unter anderem auch mit Windenergie) mit einer Versorgung durch wenige zentrale Großkraftwerke vergleichen. Und hier schneidet die dezentrale Versorgung mit Erneuerbare Energien deutlich besser ab. Denn das zentrale Versorgungssystem mit Großkraftwerken bedeutet, dass Böden und Seen übersäuert sind, die Luft gesundheitsschädlich belastet, Wälder sterben und Braun- und Steinkohle-Tagebaue gewaltige Narben in die Landschaft reißen. Hinzu kommen die erheblichen Risiken, die von Kernkraftwerken ausgehen sowie die völlig ungelöste Endlagerfrage für Tausende von Tonnen hochradioaktiven Atommüll.

In einer Entfernung von 200 Metern ist ein modernes Windrad bei vollem Betrieb ca. 45 Dezibel laut und damit in etwa so laut wie eine normale Unterhaltung. Zum Vergleich: Die „normalen“ Straßenverkehrs-Geräusche sind mit 90 Dezibel erheblich lauter. Bei den Vorgaben zur Standortplanung beträgt der Abstand zu Wohngebieten aber üblicherweise nicht 200 Meter, sondern sogar 500 bis 1.000 Meter. Dort ist die Lärmbelastung noch einmal erheblich niedriger. Bei dieser Entfernung ist der Wind selbst meist lauter als das Geräusch des Windrades. In jedem Fall gilt die TA Lärm, die für Geräuschpegel in Wohn-, Misch- und Gewerbegebiete verbindliche Vorgaben macht. Anlagen, die die Grenzwerte überschreiten, sind gar nicht genehmigungsfähig.

Zum Thema Schattenwurf: Der bewegte Schatten eines Windrades darf niemals länger als 30 Stunden im Jahr auf Ihr Haus fallen. Das bedeutet im Schnitt weniger als fünf Minuten pro Tag. Zusätzlich ist aber auch der Schattenwurf pro Tag auf maximal 30 Minuten beschränkt. Bei Überschreitung des Grenzwertes muss die Windkraftanlage abgeschaltet werden. Dies geschieht durch einen eingebauten Sensor automatisch. Schattenwurf kann im Übrigen sogar vollständig vermieden werden, wenn dies im Rahmen der Planung bei der konkreten Standortwahl von vorn herein mit berücksichtigt wird. Der „Disco-Effekt“, also die Reflexionen des Sonnenlichts durch die Rotorblätter, spielt heute überhaupt keine Rolle mehr, denn bereits seit langem werden auf die Rotorflächen matte, nichtreflektierende Farben aufgetragen.

Laut einer Forsa-Umfrage vom Dezember 2009 stehen 55 Prozent der Gesamtbevölkerung Windkraftanlagen positiv gegenüber. Die Vorbehalte der Bürgerinnen und Bürger vor Ort sind der Umfrage zufolge umso größer, je schlechter die Menschen vor Ort informiert sind. Haben Menschen Erfahrungen mit Windrädern in ihrer eigenen Nachbarschaft gemacht, stehen sie deren weiterem Ausbau in ihrer Umgebung zustimmender gegenüber als diejenigen Bürger, die bislang keinerlei Erfahrungen damit gemacht haben. So liegt die Zustimmung zu Windkraftanlagen bei den Menschen, die Windräder in der Nachbarschaft haben, bei 74 Prozent.


Roland Wolf
Referent für Energiepolitik von Ludwig Wörner MdL


Informationen zum Download

Erneuerbare Energien und EEG – Vorurteile und Fakten | 24.10.2011
 
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